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c) Susi Schütznger

Bitte nicht ärgern!

Ärger ist ein schlechter Ratgeber!
Natürlich habe ich Verständnis, wenn Sie sich gelegentlich über Ihren Hund ärgern – wer tut das nicht? Puh, und wie ich mich schon über meine Hunde geärgert habe! Und sie obendrein mit allerlei wenig schmeichelhaften Namen belegt. Genützt im erzieherischen Sinne hat das allerdings herzlich wenig. Denn in meinem Ärger war ich meinen Hunden vermutlich unangenehm oder gar unheimlich und ganz bestimmt nicht hilfreich. Führungskompetenz sieht anders aus.

 

Führungskompetenz?

Was passiert wenn wir verärgert sind? Wir sind emotional, sehr emotional sogar oder anders formuliert: das Krokodil in unserem Hirn reitet in den Krieg! Wir neigen dazu, laut zu werden, die Stimme verändert sich – meistens wird sie schrill – und wir sind ungerecht. Keine guten Voraussetzungen, um unsere Kompetenz oder unsere Vertrauenswürdigkeit unter Beweis zu stellen.

„Bist du ärgerlich, so zähle bis vier; bist du sehr ärgerlich, so fluche“ Mark Twain

Wenn Sie sich also gerade fürchterlich über Ihren Hund ärgern, dann versuchen Sie das auf eine Weise auszuleben, die möglichst wenig Schaden anrichtet. Ist Ihr Hund ein echtes Sensibelchen, dann sind sie ohnehin doppelt gefordert. Denn diesen anzuschreien oder anzuschnauzen kann fatale Folgen haben. Aber auch den Hunden, die hart im Nehmen sind, kann Ihr Ärger ziemlich zusetzen. Ihr Hund spürt Ihre Aufregung und Ihren Unmut und wohl auch, dass dieser sich gegen ihn wendet. Doch die Information, worum es eigentlich geht, die fehlt. Und so kann Ihr Hund Ihre Verärgerung, Ihre Gefühlsausbrüche und Ihre möglicherweise daraus resultierende Grobheit nicht zuordnen und ist entsprechend verunsichert. Dass Ihr Hund in dieser Gefühlslage womöglich weitere Verhaltensweisen zeigt, die Sie als unangebracht empfinden und die Ihren Ärger weiter anheizen, ist leider allzu wahrscheinlich.

 

Krokodil im Kopf

Krokodil im Kopf

Und auch Ihr eigener Ärger wird keinesfalls weniger, wenn Sie Ihren Hund angiften. Ärger ist eine spontane innere Reaktion auf etwas Unangenehmes wie zum Beispiel eine Beleidigung, eine Zurückweisung oder unerwarteter Widerstand. Das Erregungsniveau kann dabei sehr unterschiedlich sein und je nach Tagessverfassung und Vorausgegangenem (Antezedenzien) von leichtem Unbehagen oder Missmut bis zur abgrundtiefen Wut reichen.

Zunächst sind diese Emotionen spontan und unvermeidlich und überschwemmen uns mit einer Welle an Stresshormonen.

Denn für unser System bedeutet Ärger nichts anderes als Stress. Stress blockiert vernünftiges Handeln, je mehr Stress umso weniger Ratio und umso mehr „Krokodil im Kopf“. Und das ist genau der Grund, warum Ärger und Stress keine guten Ratgeber sind.

Die Wahrnehmung verändert sich durch Stress oder Ärger und selbst das kleinste Problem erhält in diesem Kontext eine große Bedeutung.

Schuld daran sind unter anderem Adrenalin und Kortisol, die die Durchblutung des Thalamus verringern. Der Thalamus ist eine Art Sieb, das die Informationen, die uns über unsere Sinne erreichen, filtert. Ist er durch Stress/Ärger geschwächt, funktioniert dieser Filter schlecht und kann eine Überflutung durch zu viele Sinnesinformationen nicht mehr verhindern.

 

Die Fs

Die klassischen Stressreaktionen fight, flight, freeze, fiddle und faint gelten nicht nur für unsere Hunde, sondern auch für uns. Wir greifen auf rudimentäre Programme zurück, für Feinheiten ist im Stress keine Zeit!

 

 

Das Gehirn bemüht sich redlich, den Stress wieder abzubauen. Doch nur 20 % aller Nervenverbindungen führen von oben nach unten – also vom Gehirn in den Körper. 80 % sind Rückmeldungen vom Körper an das Gehirn. Deshalb ist es notwendig, den Körper zur Ruhe zu bringen, damit sich das Gehirn wieder orientieren und den Informationsfluss, dem wir uns nicht entziehen können, zu filtern.

Und erst dann, wenn dieser Filter wieder richtig funktioniert, sind wir in der Lage, vernünftige Entscheidungen zu streffen – unter Einbeziehung unserer Ratio.

Warum ich in einem Hundeblog so genau erkläre, was Stress in uns bewirkt? Darauf gibt es mehrere Antworten.

 

Die Spiegelneuronen

Dank dieser Spiegelneuronen sind wir in der Lage, wahrzunehmen, wie es unserem Gegenüber geht. Vorausgesetzt, dass wir diese Empfindungen selbst bereits erlebt haben. Die Spiegelneuronen funktionieren nicht nur in einer Richtung, sondern gegenseitig. Das bedeutet, dass wir als Menschen begreifen, wenn unser Hund Angst hat. Umgekehrt ist auch unser Hund in der Lage, unsere Angst zu erkennen, lange genug leben ja Menschen und Hunde schon zusammen.

 

Gerührt oder geschüttelt

Stress, Ärger, Angst sind nicht irgendwelche diffusen Begriffe, sondern Zustände, die mit einem bestimmten Cocktail an Hormonen, Botenstoffen, Rezeptoren und Neurotransmittern verbunden sind. Und dieser Cocktail wird nicht nur bei uns Menschen, sondern auch bei unseren Hunden gerührt und geschüttelt. Im Körper und im Gehirn unserer Hunde passiert im Stress genau dasselbe wie bei uns. Sie sind zu überlegtem Handeln in dieser Verfassung gar nicht in der Lage. Das zu wissen – und im richtigen Moment, daran zu denken – lässt uns ein Stück weit fairer und gerechter werden.

Verantwortung

Wir haben die Verantwortung für unsere Hunde und es ist nicht immer einfach, diese wahrzunehmen. Umso mehr brauchen wir dafür einen klaren Verstand und eine gute Intuition. Auf beide können wir im Stress nur eingeschränkt zurückgreifen. Ein gutes Stressmanagement für uns selbst ist auch Teil unserer Verantwortung unseren Hunden gegenüber.

 

Nachhaltigkeit

Sinn und Zweck von Training ist es, nachhaltige Lösungsstrategien zu entwickeln bzw. dafür zu sorgen, dass unser Hund sich „vernünftige“ Verhaltensweisen aneignet, die langfristig  sinnvoll und nützlich sind. Das kann nur funktionieren, wenn das Gehirn tatsächlich im „Lern-Modus“ ist und nicht im „Panik-Modus“. In der Akutsituation, wenn also das Hundegehirn (und Ihres vielleicht auch) nur mehr „Alarm“ schreit, ist also zunächst geordneter Rückzug angesagt, gefolgt von der Möglichkeit, den Stress auch wieder abzubauen. Das Training selbst sollte in einer Verfassung stattfinden, in der das Gehirn aufnahmebereit und lernfähig ist – und keinesfalls gestresst.

 

Bewusstes Gestalten

Die Gestaltungsmöglichkeiten unserer Hunde sind begrenzt. Wir bestimmen den Tagesablauf, wir leinen an oder ab, wir entscheiden, wann gespielt, gefressen oder geübt wird. Daher ist es auch an uns, Situationen bewusst vorzubereiten und zu gestalten – im Sinne unserer Hunde und sie nicht einfach von einer Herausforderung in die nächste stolpern zu lassen. Dazu gehört, dass Sie sich zum Beispiel gut überlegen, wobei Ihr Hund Sie  begleitet oder wann er lieber zu Hause oder im Auto bleibt.

Auch die  Auswahl von Hundesport oder Freizeitaktivität obliegt Ihnen. Ist es wirklich eine gute Idee, mit einem Hund, der kaum zur Ruhe kommt, Ball zu spielen? Welche Alternativen gibt es? Das Angebot für Hund und Mensch ist inzwischen sehr groß: unterschiedliche Nasenaktivitäten (Mantrailing, Zielobjektsuche, Nasenspiele), Geocaching, Tricktraining sind nur einige der Beschäftigungsmöglichkeiten an, die auch für die Hunde infrage kommen, deren Nervenkostüm ein bisschen wackelig ist.

 

 

Stress ist nicht gleich Stress

„Das Ärgernis täuscht die Sinne, verwirrt den Geist, trübt die Reinheit der Erkenntnis“ Petrus Chrysologus

In unserem Sprachgebrauch wird das Wort Stress in einer Weise verwendet, die nicht seiner tatsächlichen Bedeutung entspricht. Stress ist keine Modeerscheinung. Stress ist ein Vorgang im Organismus, der einerseits lebenswichtig ist, weil er uns in die Lage versetzt, in Notfallsituationen blitzartig zu reagieren. Andererseits ist Stress, wenn er zu viel wird, zu lange dauert und es zu wenig Ruhephasen gibt, ungesund und tatsächlich gefährlich.

Umso wichtiger ist es, dass Sie für sich Rituale entwickeln, die Ihnen helfen, die Stressbelastung zu senken und nach Stressphasen gut wieder zur Ruhe zu kommen. Das alleine ist schon hilfreich für Ihren Hund. Wenn Sie darüber hinaus  auch dem Stresslevel Ihres Hundes gebührende Aufmerksamkeit schenken, gutes Management betreiben und hilfreiche Rituale und Verhaltensweisen aufbauen, dann wird auch Ihr Hund lernen, mit Stress besser fertig zu werden – und ein wichtiger Schritt in Sachen „gesund sein und gesund bleiben“ ist getan.

 

In diesem Sinne bitte nicht ärgern,

das wünscht Ihnen

Ihre

Karin Immler

 

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