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Franziska Müller mit Schäferhündin Kira

Der Zweck heiligt die Mittel

Der Zweck heiligt die Mittel

– oder auch nicht!

Der mexikanische Dogwalker ist wieder auf Tour. Am 7. und 8. März gastiert der berühmteste Hundeausführer der Fernsehgeschichte in Österreich. Seine Auftritte sind mehr als umstritten und wieder hat sich eine Gruppe engagierter Hundemenschen der Aufklärung in Sachen „Modernes Hundetraining“ verschrieben. Die Aktion „Tausche Ticket gegen Training“, die bereits 2014 für Aufmerksamkeit gesorgt hat, wird wiederholt. Im Rahmen der Blogparade „it’s time to change – der auftakt zu etwas gutem“ treten BloggerInnen an, die der Initiative für gewaltfreies Hundetraining angehören, um über modernes Hundetraining auf der Basis von Kooperation und positiver Verstärkung zu informieren und ihre persönliche Sicht zum Thema darzulegen. Auch dieser Blogartikel hier ist Teil der Blogparade.

„Sinn und Zweck eines Hundes als Haustier ist doch, dass er unser Freund wird, nicht unser Sklave“ John Bradshaw

Die Motive, einen Hund zu sich zu nehmen, können sehr unterschiedlich sein. Und doch denke ich, dass die meisten Menschen es deshalb tun, weil sie sich davon eine Bereicherung für ihr Leben erwarten. Für viele HundehalterInnen ist der Hund ein wichtiger Gehilfe für die Ausübung ihres Berufes oder eines Hobbies. Für andere ist der Hund ein persönlicher Assistent, der individuelle Handicaps ausgleicht und für ein wenig Unabhängigkeit sorgt. Wieder andere wünschen sich, dass die Kinder mit einem tierischen Gefährten groß werden. Viele versuchen, sich mithilfe des Hundes den Bezug zur Natur zu bewahren, brauchen jemanden, der ihnen wertungsfreie Zuwendung schenkt und den sie verwöhnen, ja den sie lieben können und der sie liebt.
Umso verwerflicher finde ich es, wenn man diesen Menschen einzureden versucht, der einzige Weg, ihren Hund mit dem Regeln des menschlichen Alltags vertraut zu machen, führe über Druck, Härte und Ignoranz.

 

Druck erzeugt Gegendruck

Natürlich kann man das Verhalten eines Hundes mit Druck beeinflussen. Das funktioniert. Die Frage ist nur, für wie lang. Kennen Sie einen Kelomat, einen Dampfdruckkochtopf? Und haben Sie schon erlebt, was passiert, wenn der Druck in diesem Kochtopf zu groß wird? Es gibt einen morz Knall und eine ziemliche Bescherung in der Küche, wenn der Druck den Deckel sprengt.

Das ist doch bei uns genauso. Stehen wir zu sehr unter Druck, muss unsere Umwelt allerhand kleinere  und größere  Explosionen aushalten, in denen wir Druck ablassen. Das kann eine ganz schöne Belastung für Beziehungen sein! Bei unseren Hunden ist das nicht anders. Druck sorgt für Stress, permanenter Druck erzeugt Stress, der nicht mehr zu bewältigen ist, und die chemischen Reaktionen, die im Körper ablaufen, sind nicht nur unangenehm, sondern auf die Dauer auch gesundheitsgefährdend. Und beziehungsfördernd sind sie ebenfalls nicht.

 

Hundeerziehung und Physik

Hundeerziehung hat durchaus auch mit Physik zu tun. Machen Sie ein kleines Experiment: Legen Sie Ihrem Gegenüber die Hand auf die Schulter und drücken Sie. Spüren Sie den Gegendruck?
Es gibt genügend Studien, denen zufolge der schnellste Weg jemanden aggressiv zu machen der ist, ihn aggressiv zu behandeln. Man weiß, dass Kinder aus Familien, in denen häusliche Gewalt an der Tagesordnung war, mit größerer Wahrscheinlichkeit als andere später gewalttätige Tendenzen zeigen. Bei unseren Hunden soll das anders sein? Einen Hund aggressiv zu behandeln, macht plötzlich ein Lämmchen aus ihm?

 

Härte gegen harte Hunde

„Jede Beziehung sollte ein zwei spuriger Weg sein. Die „Gegenspur“ im Auge zu behalten heißt, den anderen zu sehen, ihm dies auch zu zeigen, ein Stück weit seine Befindlichkeit zu erkennen und sich auf ihn einzulassen“ Joachim Bauer

Nicht zufällig hat sich die Sprache in der Hundeerziehung verändert. Ging es früher um parieren und Kommandos, so spricht man heute von Kooperation und Signalen. Leider ist das noch nicht bis zu allen Fernsehstationen durchgedrungen.
Den Hund mit harter Hand erziehen zu wollen, entspringt in vielen Fällen dem Unwillen, sich tatsächlich auf das Gegenüber – in diesem Fall den Hund – einzulassen. Bequemlichkeit und das Bedürfnis nach schnellen Lösungen werden in fragwürdigen Unterhaltungsshows bedient. Nicht alles, was dem Publikum als erfolgreiches Ergebnis präsentiert wird, ist tatsächlich „gute Erziehung“. Einen Hund, der in völliger Überforderung resigniert, als „entspannt“ zu bezeichnen, zeugt nicht nur von fachlicher Inkompetenz, sondern auch von völliger Empathielosigkeit.

 

 

Es gibt noch ein weiteres Motiv, einen Hund zu halten, das diese Härte im Umgang mit sich bringen kann. Leider gibt es sie, Menschen, die – vielleicht aufgrund ihrer eigenen Probleme – eine Möglichkeit suchen, Macht um der Macht willen über jemanden auszuüben. Und dieser Jemand ist womöglich ein Hund, der aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit als Opfer von Willkür und Machtgier geradezu prädestiniert scheint.

 

Wenn der Lehrer versag!

Strafe und Macht sind kein schönes Paar!
Wer straft, fühlt sich moralisch überlegen. Und dabei wird der Hund in den meisten Fällen gestraft, weil er etwas (noch) nicht kann. Zumindest nicht in dieser aktuellen Situation, um diese Zeit, mit dieser Ablenkung. Wenn schon Strafe, dann gebührte sie wohl eher dem Lehrer als dem Schüler – sprich der HundehalterIn und nicht dem Hund. Denn „sträflich“ versagt hat ja in diesem Fall der Lehrende, der seinen Schützling nicht gut genug unterwiesen hat bzw. ihm nicht genug Zeit und Gelegenheit zum Üben gegeben hat.

 

 

Ignoranz oder Blindheit

Wer die Verantwortung für ein Lebewesen übernimmt – und das tut man, wenn man einen Hund zu sich nimmt –, dem ist auch zuzumuten, sich ein paar Gedanken über dieses Tier zu machen. Welche Bedürfnisse hat ein Hund – über Futter, Wasser und einen Liegeplatz hinausgehend? Auf welche Weise kann der Hund am besten lernen, was er lernen soll? Wie kommuniziert er mit seiner Umwelt, mit Artgenossen, mit Menschen? Spätestens seit Turid Rugaas die Calming Signals bekannt gemacht hat, sollte uns allen klar sein, über welch reiches Gefühlsleben unsere Hunde verfügen und wie sehr sie an einem konfliktfreien Zusammenleben interessiert sind.

 

Das Internet macht’s möglich: Es ist sehr einfach geworden, an Informationen zu kommen – auch an qualitativ hochwertige. In Sachen Hundeerziehung gibt es viele neue Erkenntnisse, Studien und Beobachtungen, die allen interessierten HundehalterInnen zugänglich sind. Und, die den Umgang mit Hunden- und damit die Trainingsmethoden – in den letzten Jahren deutlich verändert haben.

 

 

Die Krone der Schöpfung

Zu sehr sind wir von der Vorstellung geprägt, die Krone der Schöpfung zu sein. Offenbar tut es manchen Menschen weh, zuzugeben, dass Hunde hoch intelligent, empathisch und überaus lernfähig sind. Vielleicht wollen sie nicht sehen, wie gering in Wahrheit die Unterschiede sind oder anders formuliert: wie ähnlich wir einander sind.
Gefühle wie Angst, Trauer, Freude, etc. sind nicht uns Menschen vorbehalten. Und wer glaubt – oder dies vermitteln will, dass alles sei romantischer Unsinn, der hat ein paar Jahre Forschung verschlafen. Dem privaten Hundehalter/der privaten HundehalterIn ist das zu verzeihen, nicht aber jemandem, der sich als Fachmann für Hundeerziehung präsentiert. Ist es nicht fahrlässig, wenn sogenannte Spezialisten diese Entwicklungen und Erkenntnisse einfach verleugnen oder womöglich lächerlich machen?

Bildungsfernsehen oder Quotenshow?!

„Einigen Kollegen ist der Begriff „Liebe“ nicht wissenschaftlich genug. Sie sprechen lieber von Bindungen und Verbundenheit. Ich wüsste nicht, warum man das nicht Liebe nennen sollte“ John Bradshaw 

In meiner Jugend gab es Schulfernsehen zur Wissensvermittlung an SchülerInnen. Gelegentlich kursiert immer noch der Begriff Bildungsfernsehen, wenn er auch nur sparsam anwendbar ist. Gewiss kein Bildungsfernsehen sind jene inzwischen weit verbreiteten Sendungen, die als Coaching-Formate auftreten und in denen Spezialisten mit fragwürdigen Qualifikationen fernsehwirksam vorgeben, Probleme zu lösen.
Zwar wird im Nachspann dieser Sendungen mitunter verschämt angemerkt, dass wohl doch keine Lösung war, was gezeigt wurde (…. „Leider konnte Hund Sowieso nicht in seiner Familie verbleiben…“), aber wen interessiert das schon?

 

Als Privatmensch mag man ja von Fortbildungen halten, was man will. Stellt man sich aber auf internationale Bühnen, hat man Verantwortung vielen Menschen und ihren Hunden gegenüber. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, sollte man ein Mindestmaß an Fachwissen mitbringen. Die Erkenntnisse internationaler Spezialisten wie Bekoff, Riepe, Bloch, Feddersen-Petersen, Mech, Eaton und vieler anderer schlichtweg zu ignorieren, halte ich für frevelhaft und grob fahrlässig.

 

Unterwerfung versus Folgsamkeit

In Österreich gibt es ein Tierschutzgesetz, derzeit sogar ein halbwegs gutes. Was in den besagten Fernsehformaten gezeigt wird, geht nicht immer konform mit diesem Gesetz. Anders formuliert, wer die gezeigten Methoden anwendet, macht sich möglicherweise sogar strafbar.

 

Modernes Tiertraining ist keine romantische Schwärmerei!

 „Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten“ Mahatma Gandhi

International distanzieren sich Fachleute und TrainerInnen von Methoden, die auf Gewalt und Bedrohung basieren. Welche furchtbaren Konsequenzen die Anwendung von Endloswürgern, Stachelhalsbändern, Fußtritten und Faustschlägen für Mensch und Tier nach sich ziehen kann, ist in Fachkreisen völlig unstrittig. Der unbedarfte Fernsehkonsument verlässt sich jedoch auf die vermeintliche Fachkompetenz und die überzeugende Rhetorik der TV-Unterhalter.

Ich unterstelle Hundemenschen, die in Unkenntnis, dass sie dabei Gesetze übertreten, nachmachen, was sie im Fernsehen gezeigt bekommen, keine bewusste Grausamkeit. Eher sind es Unwissenheit, Blauäugigkeit und eine gewisse Bequemlichkeit, die sie dazu veranlassen.

Aber ich frage mich wirklich, wie sich die Anwendung solcher Methoden mit den eingangs erwähnten Motiven verträgt, aus denen Menschen einen Hund in ihr Leben holen. Wie paradox ist es, sich einen Hund als Gefährten zu wünschen und ihn dann roh und bar jeden Mitgefühls zu „unterwerfen“?

 

 

Alle jene, die begeistert eine solche Fernsehshow verfolgen oder einen Live-Event besuchen, bitte ich, sich zu fragen, wie gut Fußtritte und Führung zusammen passen. Wie bringen Sie  Bedrohung und Einschüchterung mit Verantwortung unter einen Hut? Und nicht zuletzt wie vertragen sich Unterwerfung und Liebe?

 

Ich wünsche Ihnen liebevolle Beziehungen in Ihrem Leben

Ihre

Karin Immler

 

 

PS: Hier sind die Links zu allen Beiträgen der Blogparade:

Blogparade:

It’s time für a change – der Auftakt zu etwas Gutem, Margot Wallner
Tausche TV-Trainer-Ticket gegen Training 2.0, Sunny Benett
Vertrauen geben für den Sprung über den eigenen Schatten, Mirjam Cordt
Einen Angsthund strafen? Gefährlicher Unsinn, Bettina Specht
Warum ich auf Gewalt im Hundetraining verzichte, Jessica Berger
Gib mir Feedback, Bello, Bardhi Murati
Der Zweck heiligt die Mittel, Karin Immler
Wanderpokal Hund, Margot Wallner
Ein Gedankenexperiment, Heidrun Pusch
Mein Welpe zieht ein! Die 5 wichtigsten Tipps für ein harmonisches Leben von Anfang an, Lara-Maria Nestyak
Die 5 hartnäckigsten Mythen über den Hundeflüsterer, Sunny Benett

 

 

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