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Babyhund schläft in den Armen seines Menschen

Fairness

Sind Sie auch im Olympia-Fieber? Die Olympiade ist in aller Munde und die Sportberichterstattungen dominieren in den Medien. Ein wichtiger Aspekt eines jeden sportlichen Ereignisses ist Fairness! Was mich zum Thema des heutigen Blogs bringt: Fairness!

Neulich in der Hundeschule

„Fair play bezeichnet nicht nur das Einhalten der Spielregeln, Fair play beschreibt vielmehr eine Haltung des Sportlers: der Respekt vor dem sportlichen Gegner und die Wahrung seiner physischen und psychischen Unversehrtheit. Fair verhält sich derjenige Sportler, der vom anderen her denkt.“   Internationale Fair-Play-Charta

Neulich erzählte mir eine Kundin meiner Hundeschule von einer Festlichkeit, bei der ihr Hund sie begleitet hat. „Ich weiß, dass es eine Zumutung für sie ist, aber ich will sie dabei haben.“ Es handelte sich um ein Familienfest, bei dem mehr als 40 Menschen zu Gast waren, große und kleine – soll heißen, es waren auch etliche kleine Kinder dabei. Der Hund, um den es ging, ist eine kleinwüchsige Hundedame aus dem Auslandstierschutz. Sie ist sehr schüchtern, kommt mit Lärm, unerwarteten Bewegungen und vor allem mit kleinen Kindern sehr schlecht zurecht. Die Frage, die sich mir aufdrängt, lautet: ist es fair, diesen Hund auf das Familienfest mitzunehmen und all dem Wirbel, dem Gerenne und Durcheinander auszusetzen? Ausgegangen ist der Versuch nicht gut – es war weder fair noch klug, den Hund mitzunehmen. Es war ein Desaster, das damit endete, dass die Hundedame in ihrer Überforderung schließlich nach einem Kind geschnappt hat. Frauchen war völlig schockiert und ist seither sauer auf den bösen Hund!

Leider kann Ihr Hund in dieser Situation das gewünschte Verhalten (noch) nicht zeigen und Sie sind verärgert, weil es doch zu Hause schon so gut geklappt hat. Ist das fair?

 

Erschwerte Bedingungen

Ist das fair? Leider kann Ihr Hund in dieser Situation das gewünschte Verhalten (noch) nicht zeigen und Sie sind verärgert, weil es doch zu Hause schon so gut geklappt hat.

Oder ein anderes Beispiel: Nehmen wir an, Sie arbeiten gerade daran, dass ihr Hund auf Signal mit der Nase in ihre Hand stupst, das sogenannte Nasentarget, auch Handtouch genannt. In der Hundeschule klappt das schon recht gut, zu Hause sowieso. Jetzt sind sie mit dem Hund unterwegs und kommen an einem Fußballplatz vorbei, auf dem gerade ein Match stattfindet. Eine Menge Geschrei, viele Menschen, alles sehr aufregend. Da erinnern Sie sich daran, was sie gerade mit ihrem Hund üben und geben ihm das Signal für den Handtouch. Leider kann Ihr Hund in dieser Situation das gewünschte Verhalten (noch) nicht zeigen und Sie sind verärgert, weil es doch zu Hause schon so gut geklappt hat. Ist das fair?

 

 

Sie haben einen Hund, der mit fremden Hunden keine große Freude hat. Sie haben einen guten Trainingsaufbau gefunden und auch bereits erfolgreich mit zwei oder drei Figurantenhunden gearbeitet. Jetzt möchten Sie bei einem Agility-Turnier zuzuschauen und nehmen Ihren Hund dazu mit. Schließlich hat er ja inzwischen gelernt, wie er mit fremden Hunden umgehen soll. Oder vielleicht doch noch nicht? Ist es fair, in der Turniersituation zu erwarten, dass der Hund mit den fremden Hunden zurechtkommt?

 

Faire Führung

Ich finde es nicht fair, den Hund bewusst und in Kenntnis seiner Schwierigkeiten mit Herausforderungen zu konfrontieren, die er nicht bewältigen und denen er sich nicht entziehen kann.

Ich finde es nicht fair, ein Verhalten, das gerade erlernt und geübt wird unter so schwierigen Verhältnissen abzufragen, dass der Hund daran scheitert.

Ich finde es nicht fair, den Hund mit Absicht in eine Situation zu bringen, der er (noch) nicht gewachsen ist.

Ich finde es nicht fair, meinen Hund sehenden Auges von einer Katastrophe in die nächste stolpern zu lassen, denn „Da muss er durch!“

 

Führungskompetenz

Fairness hat für mich etwas damit zu tun, dass wir die Möglichkeiten unserer Hunde erkennen und vor allem auch, wo diese enden. Führungskompetenz hat viel mit Fairness zu tun, damit, unseren Schützlingen nur zuzumuten, was sie auch bewältigen können.

Es ist Teil unserer Verantwortung, unsere Hunde realistisch einzuschätzen

Das bedeutet nicht, den Hund in Watte zu packen. Es ist Teil unserer Verantwortung, unsere Hunde realistisch einzuschätzen und gut zu überlegen, welche Aufgaben wir ihm stellen.

Ich rede nicht von unvorhergesehenen Situationen oder Notfällen – das Leben ist halt manchmal unberechenbar. Wovon ich spreche, das sind Trainingssituationen und alltägliche Herausforderungen, die vielleicht so nicht sein müssten, auf deren Ablauf und Gestaltung wir Einfluss haben.

 

Gutes Training

Ein guter Trainingsplan ist fair, denn er ist individuell abgestimmt und kleinschrittig. Der nächste Schwierigkeitsgrad wird erst angepeilt, wenn der gegenwärtige gut zu bewältigen ist. Faires Training ermöglicht dem Hund, in seinem eigenen Tempo zu erlernen, zu üben und zu perfektionieren, was wir von ihm erwarten.

Umsichtige Führung im Alltag ist fair, denn sie ermöglicht, Distanz zu wahren oder zu vergrößern, wenn das notwendig ist. Sie ermöglicht, helfend einzugreifen, vertraute Rituale abzufragen oder den Hund abzuschirmen.

 

 

Bewusste Gestaltung

Alltägliche Herausforderungen so weit als möglich bewusst zu gestalten, ist fair. Denn dadurch ermöglichen wir dem Hund, sich gut und sicher zu fühlen und sich weiterzuentwickeln, entsprechend seiner persönlichen Kapazität, Schritt für Schritt.

Fairness hat auch damit zu tun, angemessene Erwartungen an den Hund zu haben. Angemessen an  die persönlichen Möglichkeiten, das Nervenkostüm, die gesundheitlichen Voraussetzungen und vieles mehr, das letztlich das Verhalten unserer Hunde verursacht.

Jeder Hund hat seine eigene Persönlichkeit, zusammengesetzt aus Genetik, Erfahrungen, Erwartungen und Befürchtungen, Ängsten, Vorlieben, Talenten und noch so einigem mehr. Es ist ein Gebot der Fairness jeden Hund in seiner Gesamtheit individuell wahrzunehmen und das Leben mit ihm entsprechend zu gestalten. Was für den einen Hund eine Kleinigkeit ist, kann für den anderen ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Was der eine Hund spielend – ganz nebenbei – erlernt hat, dafür braucht der andere möglicherweise geduldiges und intensives Training, das Sie ihm fairerweise ermöglichen sollten.

Es ist nicht immer einfach, all das zu erkennen und zu berücksichtigen. Gute Beobachtungsgabe, ein Grundwortschatz in “ Hundesprache“, ein paar Kenntnisse über Lernverhalten, ein gutes Bauchgefühl und Empathie sind dabei von unschätzbarem Wert.

 

Unser Leben ist nicht hundgerecht

Zur Fairness gehört auch, zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen des Hundes zu unterscheiden. Unser Leben ist nicht eben hundegerecht und stellt für unsere Vierbeiner eine ziemliche Herausforderung dar. Vieles, das für uns normal ist, ist aus Hundesicht äußerst fragwürdig. Viele unserer Regeln sind mit “Hundeverstand“ nicht zu begreifen. Umso wichtiger ist es, dass wir unseren Hunden diese Regeln erklären und ihnen Zeit und Möglichkeit geben, sie zu erlernen. Und wenn wir möchten, dass diese Regeln unter unterschiedlichen Bedingungen eingehalten werden, dann sollten sie zuvor auch unter unterschiedlichen Bedingungen erlernt bzw. geübt werden.

Fairness und Gerechtigkeit

Fairness hat auch etwas mit Gerechtigkeit zu tun und damit, die Leistungen und das Bemühen des anderen zu würdigen. Nicht jeder von uns hat das Zeug zum Atomphysiker und nicht jeder Hund kann ein Turniersieger werden. Das sollte uns aber nicht daran hindern, auch dem ewigen Zweiten Wertschätzung entgegenzubringen und ihn in seinen Möglichkeiten zu unterstützen und zu fördern.

Unser modernes Leben ist so ganz und gar nicht hundegerecht

Unser modernes Leben ist so ganz und gar nicht hundegerecht – ich weiß, ich wiederhole mich! Unsere Erwartungen an unsere Vierbeiner sind es ebenso wenig. Sie dagegen bemühen sich redlich, uns zu gefallen, es uns recht zu machen und  im Gegensatz zu uns, sind sie für kleine und kleinste Gesten unsererseits empfänglich. Sie sind in Wahrheit recht bescheiden in ihren Erwartungen an uns und bereit, sich an die widrigsten Umstände zu gewöhnen.

Dagegen ist doch ein bisschen Fairness nicht zu viel verlangt!

Ich wünsche Ihnen viel fröhliches Wedeln in Ihrem Leben und freue mich über Kommentare und Anregungen.

Ihre

Karin Immler

 

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9 comments

  1. Elisabeth Riegler says:

    Liebe Karin! Dieser Blog ist wirklich Spitzenklasse. Ich hoffe sehr, dass viele Hundefreunde diesen Blog lesen werden und die Einstellungen ihrem Schützling gegenüber ein wenig anpassen.
    Danke, dass Du dir immer wieder den Kopf darüber zerbrichst was unsere vierbeinigen Lieblinge gerade brauchen könnte.
    Schönen Tag für Dich und Deine Pfotenlieblinge,
    servus
    Sissy

    • Karin Immler says:

      Vielen Dank, liebe Elisabeth,
      ich freue mich über so liebe Worte. Immer mehr Menschen wünschen sich einen innigen Umgang mit ihrem Hund. Und nach und nach wird mein Blog den Weg zu ihnen finden. Herzliche Grüße retour, Schlabberbussi für deine Bande, herzlichst Karin

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