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Wunderwuzi Hund – oder die eierlegende Wollmilchsau

Haben Sie schon einmal überlegt, welche – und vor allem welch unterschiedliche – Erwartungen Sie an Ihren Hund haben. Was Sie alles so einfach voraussetzen, ohne darüber nachzudenken, wie Ihr Hund dem allen überhaupt gerecht werden soll? So ein Hund muss schon ein echter Wunderwuzi sein – oder eben die eierlegende Wollmilchsau.

Der Hund als Stimmungsbarometer. Wir wünschen uns, dass unser Hund uns liebt, für uns da ist, unsere Stimmung erkennt und voller Veständnis – ja liebevoll darauf reagiert. Wenn wir Kummer haben oder Bauchweh, wie wohl tut es uns dann, wenn sich das Hundetier zu uns kuschelt und einfach nur lieb ist? Und irgendwie erwarten wir das ja von ihm.

 

Bodyguard und Schmusebacke

 

Der Hund als Sportskanone. Von Montag bis Freitag liegt Rufus dekorativ im Büro , am Samstag bringt er Höchstleistungen beim Agility oder beim Mantrailing und holt Pokale heim.

Der Hund als Kinderversteher. Kira sucht ihren Ball überall und mit nicht endenwollender Begeisterung auch auf unwegsamem Gelände. Den Ball der Kinder lässt sie selbstverständlich unberührt.

Der Hund als Bodyguard. Mit Kimba an Ihrer Seite fühlen Sie sich sicher. Er ist ein guter Verteidiger und Beschützer und knurrt jede seltsame Gestalt an, die Ihnen bei der nächtlichen Gassirunde unterkommt. KundInnen in Ihrem Laden gegenüber ist er selbstverständlich freundlich und gelassen.

Security auf 4 Beinen. Antares bewacht das Grundstück unbestechlich und nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Spaziergänger, die am Sonntagnachmittag am Gartenzaun entlang schlendern, werden selbstverständlich freundlich wedelnd oder mit völligem Gleichmut zur Kenntnis genommen.

Anpassung total. Aufgeweckt und temperamentvoll so schätzt Herrchen Samira auf dem Hundesportplatz, da entgeht ihr nicht die kleinste Regung. Sonntags am Badeplatz ist sie dagegen gelassen und interessiert sich nicht im geringsten für den Wirbel rundherum?

„Natürlich kann man ohne Hund leben, es lohnt sich nur nicht“ Heinz Rühmann

Merken Sie, worauf ich hinaus will? Sehr oft ist es dieselbe Eigenschaft, dasselbe Verhalten, das uns entweder erfreut oder verärgert. Je nachdem, in welchem Kontext es auftritt. Wir erwarten ganz selbstverständlich, dass der Hund diesen Unterschied erkennt.

 

 

Viele Verhaltensweisen unserer Hunde sind schon durch Rassezugehörigkeit bzw. den Rassetypus vorgegeben. Denn schließlich wurden Hunde ja in unterschiedlichen Rassen gezüchtet, um den Menschen bei der Ausübung eines Berufes oder eines Hobbys zu assistieren. Sucht man sich den vierbeinigen Gefährten nach dem Äußeren aus, weil er so ein hübsches Fell hat, so eine besondere Farbe etc., dann wird dieses Erbteil oft völlig außer Acht gelassen. In den Rassebeschreibungen der Züchter und Zuchtverbände wird zwar auf die rassetypischen Potenziale hingewiesen – allerdings manchmal äußerst blumig und dadurch vielleicht nicht deutlich genug –, die der entzückende Welpe mitbringt.

 

Hunderunde mit Christina Sigrist „Rassismus unter Hunden“

 

Aus der Hundeschule geplaudert

Ich erinnere mich an den Anruf einer Dame, die völlig entsetzt darüber war, dass ihr Hund in jede Pfütze mindestens hinein stapfte und sich meistens sogar hinein legte, egal wie matschig und dreckig diese war. Die Dame legte Wert auf ihre elegante Erscheinung und die ebensolche Wohnung und war ziemlich erstaunt, als ich ihr erklärte, dass das für einen Retriever kein ungewöhnliches Verhalten sei – jedenfalls in keiner Weise abartig!

 

„Wenn Hunde nicht in den Himmel kommen, möchte ich, wenn ich sterbe, dorthin, wo sie sind“ Will Rogers

Ein weiterer Fall ist mir in Erinnerung, in dem es um einen Beagle ging, der ein Etagenhaus mit seinem Gebell zur Verzweiflung trieb. Für Frauchen war der Hund zunächst einfach nur schlimm! Erst nachdem die Hundehalterin verstanden hatte, dass die Bellfreudigkeit zu dem gehört, was so ein Beagelchen von seinen Vorfahren auf der Reise ins Leben mitbekommt, konnte sie fair sein. Und das war eine wichtige Voraussetzung dafür, mit dem Hund dahingehend zu trainieren, dass er sich im Hause ein wenig zurückhält J.

 

Wunderwuzi Hund?

 

Eine Geschichte, die mich sehr berührt hat, war die eines Appenzeller Sennenhundes, der angeschafft wurde, um ein großes Anwesen zu bewachen. Das tat er auch sehr beflissen und weithin vernehmlich. So weit so gut. Die Familie, zu der dieser Hund gehörte, führte allerdings auch ein offenes Haus und hatte oft Gäste. Und da der Hund ja zur Familie gehört, war er natürlich bei diesen Anlässen mitten drin, was der ehemalige Hund, ein Labrador, immer sehr genossen hatte. Der wäre allerdings kein guter Wächter gewesen, erzählte man mir. Der junge Rüde dagegen war mit fremden Menschen in seinem Haus, in seinem Garten, noch dazu so vielen, völlig überfordert, bellte, stellte und sorgte für viel Ärger.

 

Dazu kam, dass seine Menschen überhaupt kein Verständnis dafür hatten, wie es dem Hund bei diesen Gelegenheiten ging. Schließlich ging das doch bei dem alten Hund auch! Leider konnten sich die HundehalterInnen auch mit Management nicht anfreunden. Es wäre ein Leichtes gewesen, dem Hund beispielsweise einen großen Auslauf am anderen Ende des Gartens einzurichten, in dem er von Gästen ungestört wäre.

 

Die Familie sah auch keine Notwendigkeit, dem Hund Unterstützung und Training zu ermöglichen, damit er adäquate Strategien entwickeln kann. Das wäre alles zu aufwendig, man hätte keine Zeit dafür und der Hund müsste doch wissen, was sich gehört. Es wurde einfach vorausgesetzt, dass der Hund die Erwartungen erfüllt, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie er das bewerkstelligen soll. (Der Hund wurde schließlich abgegeben.)

Dumm, schlimm oder einfach nicht gelernt?

 

„Es gibt bestimmt auch dumme Hunde, obwohl der Prozentsatz weit geringer ist als beim Menschen“ Axel Munthe

Vieles, dass wir als „schlimm“ einordnen, ist ganz normales Hundeverhalten. Vieles ist erlerntes Verhalten, weil sich beizeiten niemand darum gekümmert hat, dass das richtige Verhalten erlernt werden konnte. Abgesehen davon, dass es ja auch viele gesundheitliche Ursachen haben kann, wenn ein Hund sich nicht so verhält, wie wir uns das vorstellen.

 

Jedenfalls finde ich es ganz beachtlich, wie anpassungsfähig unsere Hunde sind. Mit welcher Bereitschaft sie sich auf unser Leben einlassen und sich nach Kräften darin einfügen. Sie sind so offen und bereit, auf uns zu reagieren, sich nach uns zu richten, sich auf uns einzustellen. Was sie zumindest dafür verdient haben, ist unsere Bereitschaft, uns zumindest ein minimales Wissen über ihre Bedürfnisse anzueignen.

 

Sie haben es sich verdient

Sie haben es verdient, dass wir Menschen uns einen Grundwortschatz in Hundesprache zulegen, einfach nur aus Höflichkeit dem anderen gegenüber.

Sie haben es verdient, dass wir ihnen gute und schlechte Tage zugestehen, Talenten und Schwächen, Vorlieben und Abneigungen.

Sie haben es verdient, dass wir Ihnen Zeit und Möglichkeit geben, zu erlernen, was wir von ihnen erwarten – und natürlich unsere vollste Unterstützung dabei.

Sie haben es verdient, dass wir wahrnehmen, wenn Sie unseren Schutz und unsere Hilfe brauchen, und natürlich, dass sie ihn dann auch erhalten.

 

Die Bedürfnisse unserer Hunde gehen genau wie unsere eigenen deutlich über essen, trinken und schlafen hinaus. Hunde sind hoch soziale und sympathische Tiere. Sie bereichern unser Leben auf so vielfältige Weise, bringen uns zum Lachen, halten uns in Bewegung und helfen uns, Kummer und Sorgen zu bewältigen.

 

Unser Alter Ego

Ich halte es hier mit Prof. Kurt Kotrschal, der die Hunde als „Alter Ego“ des Menschen bezeichnet. Ohne Menschen – so Kotrschal – würde es den Hund nicht geben, und Menschen wären ohne Hunde zumindest unvollständig. Die lange gemeinsame Entwicklungsgeschichte bedingt ein „Menschenrecht auf Hundehaltung“ sowie auch  ein „Hunderecht“, mit verständigen Menschen zu leben.

 

Seien Sie Ihrem Hund ein verständiger Mensch, das wünscht Ihnen

Ihre
Karin Immler

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