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mach bloß keinen ärger

Das machen die unter sich aus

„Das machen die unter sich aus“ Das ist wohl einer der am meisten strapazierten Gemeinplätze zum Thema Hundeerziehung. Grundsätzlich stimmt das ja: Das machen die unter sich aus!

 

 

David gegen Goliath

„Wenn man auf nichts mehr zählen kann, muß man mit allem rechnen.“ Jules Renard

Ein nicht unwesentliches Detail, wenn Hunde sich irgendetwas untereinander ausmachen, ist die Chancengleichheit bzw. die Kräfteverteilung. Es muss ja gar nicht ein extremer Größenunterschied sein, es reicht auch ein sehr unterschiedliches Spielverhalten. Es gibt nun einmal Hunde, die sehr körperbetont spielen und ein „Rühr-mich-nicht-an“-Hündchen ganz schön in Angst und Schrecken versetzen können. Ein Windspiel, vorsichtig und vielleicht ein bisschen unsicher, das von einer Horde pubertierender Labis über den Haufen gerannt wird, ist zwar hoffentlich nicht in Lebensgefahr, eine schöne Erfahrung ist das trotzdem nicht. Und schon gar keine vertrauensbildende Maßnahme in Sachen „fremde Hunde“.

Es ist auch nicht sehr hilfreich, Menschen zu beschimpfen, die ihr Klein- oder Kleinsthündchen vorsorglich auf den Arm nehmen, damit ein herbeistürmender „Der-tut-nix“ es nicht in Grund und Boden stampft. Sie würden ja auch in Deckung gehen, wenn ein Elefant auf Sie zu stürmt. Selbst wenn Ihnen in diesem Augenblick jemand zu ruft „Der ist ganz lieb, der will nur spielen!“

 

 

Das machen die unter sich aus

„Schon war es kein Kampf mehr, ein Niedermachen war’s.“  Quintus Curtius Rufus

Böse Zungen behaupten ja, dass dieser Satz ohnehin nur den HalterInnen von großen oder zumindest kräftigen und meist unerschrockenen Hunden einfällt und niemals Menschen, die von einem Chihuahua oder einem Kreuz-lädierten Hundesenior begleitet werden. Aus der Warte des Stärkeren hat man ja bekanntlich leicht reden. Oder wie viele Fälle kennen Sie, in denen ein Welpe einen erwachsenen Hund oder ein Chihuahua einen Schäferhund schwer verletzt hat? Und noch einmal: es geht nicht nur um körperliche Verletzungen sondern auch um die Angst und um den Schrecken, den die Hunde dabei erleiden.

 

Ganz zu schweigen von den Hunden, die aufgrund körperlicher Einschränkungen, schlechter oder fehlender Erfahrungen mit anderen Hunden keine Freude an unkontrollierten Begegnungen haben. Zwingt man diesen Hunden „ungebremste“ Kontakte auf, kann das ganz schön danebengehen. Ein Hund der alt, krank oder gehandicapt ist, hat wenig Chancen, sich irgendetwas mit einem anderen Hund auszumachen. Schmerzhafte Erinnerungen an solche Begebenheiten und massive Folgeschäden sind keine Seltenheit.

Ein Hund mit sozialen Defiziten dagegen wird es sich möglicherweise auf unerwartet heftige und womöglich gefährliche Art mit dem anderen Hund ausmachen – auch keinesfalls wünschenswert. Und der Vollständigkeit halber: unkontrollierte Begegnungen haben schon so manches monatelange Training mit einem Schlag zunichte gemacht.

 

 

Alltag contra Training

Ein Großteil Ihrer Bemühungen im Zusammenhang mit Hundeerziehung dreht sich darum, dass der Hund sich nach Ihnen richtet und Sie gewissermaßen um Erlaubnis fragt, bevor er irgendetwas unternimmt. Sie möchten, dass der Hund auf seinen Namen reagiert, auf Zuruf zu Ihnen kommt und sich immer wieder an Sie wendet. Was zu Hause in der Küche ganz einfach funktioniert, ist draußen – auf der freien Wildbahn – eine ziemliche Herausforderung, die Sie als Team zu bewältigen haben. Denn, darauf läuft es hinaus, Sie möchten, dass Ihr Hund auch in Situationen, in denen er sehr, sehr aufgeregt ist, auf Sie achtet und sich nach Ihnen richtet – also gegebenenfalls Ihre Anweisungen ausführt.

 

 

Damit der Hund das tut, muss er die Gewissheit haben, dass es eine kluge Entscheidung ist, sich Ihnen anzuvertrauen. D.h. er wird es nur dann tun, wenn er zuvor die Erfahrung gemacht hat, dass es ihm gut tut oder nützlich ist. Doch wie schaut die Realität aus?

Da wird das kleine Hundekind auf der Hundewiese in eine unangenehme Situationen verwickelt. Und was tut sein Mensch? Der zuckt mit den Achseln und meint „Das machen die unter sich aus!“ Das war‘s. Und der Welpe hat eine wichtige Lektion gelernt: Mein Mensch erkennt meine Not nicht. Mein Mensch hilft mir nicht. Ich muss selbst eine Lösung für diese Situation finden. Und so kann es sein, dass Ihr Welpe Strategien entwickelt, die sie nicht so toll finden: „Angriff ist die beste Verteidigung“ zum Beispiel! Oder lautes Gekläff, sobald sich ein Hund nähert, und andere Verhaltensweisen, die Sie an Ihrem Hund nicht gerne sehen würden.

 

 

„Das machen die unter sich aus!“

Hunde machen es sich tatsächlich untereinander aus, wenn man es darauf ankommen lässt. So passiert es dann, dass beispielsweise auf der Hundewiese ein übermütig jung-erwachsener 20-Kilo-Hund sich irgendetwas mit einem 4-Kilo-Welpen ausmacht. Wie das ausgeht, können Sie sich ja vorstellen. Bestimmt nicht so, dass der kleine Welpe eine faire Chance hat. Er ist sowohl körperlich als auch geistig in seiner Entwicklung noch nicht so weit, dem größeren, schwereren und älteren Hund Paroli zu bieten.

Gelernt hat er trotzdem etwas: erstens, dass sein Mensch ihm nicht geholfen hat und zweitens, dass andere Hunde schmerzhaft/gefährlich/unangenehm sind.

Der ältere Hund hat natürlich auch etwas gelernt: a) dass er sich rücksichtslos verhalten kann, ohne dass ihn jemand daran hindert. Und möglicherweise b) , dass es Spaß mach kleinere, jüngere und schwächere Hunde zu belästigen.

 

Die fatale Erfahrung, im Stich gelassen zu werden

Das ist doch in Wirklichkeit das komplette Gegenteil von dem, was Sie eigentlich möchten. Nämlich einen Hund, der sich vertrauensvoll an Sie wendet, wann immer er in Not ist. Einen Hund, der aus Erfahrung weiß, dass sein Mensch willens und in der Lage ist, ihm aus schwierigen Situationen heraus zu helfen.

 

 

Also zeigen Sie Ihrem Hund, dass Sie vertrauenswürdig und verlässlich sind. Helfen Sie ihm, unterstützen und – ja, wenn notwendig – beschützen Sie ihn. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Welpe, Ihr Junghund gute Erfahrungen mit andern Hunden macht. Lassen Sie ihn erleben, dass er in Ihrer Gegenwart sicher ist und ihm nichts Schlimmes passieren kann.

Zeigen Sie ihm auch, dass man nicht jeden fremden Hund näher kennenlernen kann, sondern in angemessenem Abstand vorbei geht. Bremsen Sie Ihren Jungspund ein, wenn er andere Hunde bedrängen oder belästigen möchte. Unterstützen Sie ihn dabei, sich bei Begegnungen höflich zu verhalten.

Einen Hund zu führen, bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und kluges Management zu betreiben.

Das sind Sie Ihrem Hund schuldig!

Ich wünsche Ihnen viel fröhliches Wedeln in Ihrem Leben und freue mich über Kommentare und Anregungen.

Ihre

Karin Immler

 

 

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3 comments

  1. Antje Hebel says:

    Danke für diesen guten Beitrag. Ich dachte schon, ich wäre die Einzige, die diesen ausgelutschten Spruch ablehnt.
    Hunde brauchen die soziale Sicherheit bei Ihren Menschen, dann benehmen sie sich auch gegenüber anderen Hunden sozial und entspannt… ohne irgendetwas auszumachen oder abzuklären.
    Liebe Grüße

    • Karin Immler says:

      Vielen Dank für den Zuspruch, liebe Antje. Auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt – immer mehr Hundemenschen sehen das so wie wir. Und es werden täglich mehr, daran glaube ich fest. Herzliche Grüße, Karin Immler

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