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kleine weiße Hunde mit Krawatte

Du vermenschlichst deinen Hund!

Und da haben wir es: eines der beliebtesten Totschlagargumente in Punkto Hundehaltung „Du vermenschlichst deinen Hund!“ In meiner persönlichen Beliebtheitsskala gleich auf mit „Da muss er durch!“ und „Die machen das unter sich aus!“. Und – derart angesprochen – zuckt man als beflissene/r HundehalterIn postwendend zusammen, denn irgendwie will sich das niemand nachsagen lassen. Dabei weiß ich gar nicht, was daran so schlimm ist.

Automaten ohne Gefühle?

Wenn ich mir den Umgang des Menschen mit den Tieren so vor Augen halte, finde ich es eher ein gutes Zeichen, dass wir unsere Tiere vermenschlichen. So lange ist es ja noch gar nicht her, dass Rene Descartes „Ich denke, also bin ich“ den Standpunkt vertrat, ein Tier hätte keine Gefühle. Schrien die Tiere bei seinen Versuchen, dann verglich er das mit dem Quietschen einer alten Türe. Denn selbst ein Gefühl wie Schmerz sprach er den Tieren völlig ab. Eine Vorstellung, die mich erschauern lässt. Denn für mich ist es mehr als offensichtlich, dass Tiere leiden, wenn sie Schmerzen haben.

 „Auf dem Weg über die Konditionierungstheorien der Behavioristen waren Tiere nichts weiter als auf Umweltreize reagierende Automaten.“     Temple Grandin

Als dann Charles Darwin behauptete, dass Menschen und Tiere miteinander verwandt seien, war das eine Revolution. Denn er anerkannte, dass Tiere Gefühle und geistige Fähigkeiten haben. Das war uns Menschen in unserem Drang nach Oberhoheit über die Schöpfung gar nicht recht und so fiel dieser Teil der Darwinschen Lehre beinahe unter den Tisch! Dagegen kamen die Behavioristen wie gerufen. Denn sie stellten das Tier als eine Art Automat da, der  in vorgezeichneter Weise auf Umweltreize reagiert.

Mit unwahrscheinlicher Arroganz hielten wir Menschen über Jahre und Jahrhunderte daran fest, ganz und gar anders und selbstverständlich wesentlich höher entwickelt zu sein als andere Lebewesen. Nach und nach trauten die Wissenschaftler Tieren immerhin einige einfache Emotionen wie Angst oder Schmerz zu. Liebe, Trauer, Stolz und dergleichen allerdings noch lange nicht.

 

Ich fühle, also bin ich

„Vernünftige Entscheidungen, lautet ein Gemeinplatz, müssen mit kühlem Kopf getroffen werden, denn Gefühle und Vernunft schließen einander aus. Demzufolge müsste jemand, der keine Gefühle empfindet, besonders rational sein“ Antonio R. Damasio

1944 erschien das Buch „Descartes Irrtum“. In diesem Buch geht es um das menschliche Gehirn, um Fühlen und Denken und den Zusammenhang  zwischen diesen beiden. Ich fühle, also bin ich.“ Der Autor Antonio R. Damasio kam zu dem Schluss, Körper und Geist würden sich ständig gegenseitig beeinflussen und ohne Gefühle sei kein vernünftiges Handeln möglich.

Soweit es uns Menschen betrifft, ist das ja nichts Neues. Wir wissen nur zu gut, dass wir etwas tun, weil wir uns beispielsweise freuen oder uns vor etwas fürchten. Bei unseren Hunden ist es doch ganz genau so.

Da taucht plötzlich auf dem Spaziergang ein Plakatständer auf, wo niemals etwas stand. Und was tut der Hund? Ist das vorherrschende Gefühl Neugierde, dann wird er sich wohl auf das unheimliche Ding zu bewegen, um es zu inspizieren.

Ist Angst ausschlaggebend, dann wird das Plakat vielleicht verbellt und der Hund macht einen großen Bogen, nicht ohne misstrauisch nach dem gefährlichen Objekt zu schielen – schließlich könnte es ja hinterrücks angreifen.

 

Angst oder Ungehorsam

Gerade wenn es um Angst geht, verändert die Erkenntnis, dass Gefühle Verhalten nicht nur beeinflussen sondern es sogar verursachen, alles. Denn Sie werden mit Ihrem Hund und der Situation ganz anders umgehen und auch das Training unterschiedlich gestalten, als wenn es um eine Übun geht, die noch nicht sitzt.

Der Moment, in dem meiner Tara der Schalk aus den Augen blitzt und ich genau weiß, dass sie gleich einen übermütigen Satz auf mich zu machen wird…. für mich ganz offensichtlich ist ein  fröhliches Gefühl der Auslöser für ihr Verhalten in diesem Augenblick.

„Zumindest Säugetiere besitzen alle Hirnzentren, die im menschlichen Gehirn tätig sein müssen, damit wir Gefühle haben. Und diese Zentren sind mehr oder weniger in derselben Weise miteinander verknüpft und aktiv wie beim Menschen.“ Hirnforscher Gerhard Roth.

Wenn also Vermenschlichung bedeutet, dass Sie Ihrem Hund zugestehen, Gefühle wie Angst, Sorge, Freude oder Stolz zu haben, dann ist das doch eine wunderbare Sache. Denn dann sind Sie auch in der Lage, zu erkennen, warum Ihr Hund sich gerade nicht so verhält, wie Sie das möchten.

  • Wenn Vermenschlichung bedeutet, dass Sie akzeptieren, dass Ihr Hund friert und ihm daher ein wärmendes Mäntelchen anziehen, dann ist das einsichtig und beugt Krankheiten vor.
  • Wenn Vermenschlichung bedeutet, dass Sie Ihren Hund nicht mit Absicht in eine Situation bringen, in der er sich fürchtet, dann ist das gescheit und rücksichtsvoll.
  • Wenn Vermenschlichung bedeutet, dass Sie im Training, im Alltag, im Einsatz deutlich machen “Nein, mit meinem Hund nicht!“, dann ist das verantwortungsbewusst.
  • Wenn Vermenschlichung bedeutet, dass Sie Ihrem Hund eine unangenehme Aufgabe durch eine besondere Belohnung schmackhaft machen, ist das gutes Training
  • Wenn Vermenschlichung bedeutet, dass Sie erkennen, wenn Ihr Hund sich in dieser Situation wohlfühlt und in jener nicht, dann ist das hilfreich und erleichtert Ihr Leben und das Ihres Hundes.

 

Gefühle als Triebfeder

Wikipedia-Definition VermenschlichenAnzuerkennen, dass Gefühle nicht uns Menschen alleine vorbehalten sind, ist ein wichtiger Schritt zu einem fairen Umgang. Wie sehr wir selbst von unseren Gefühlen geleitet, angetrieben oder auch behindert werden, davon können wir wohl alle ein Lied singen. Gefühle als Triebfeder für Verhalten zu erkennen – auch bei unseren Hunden, sorgt für einen anderen Blickwinkel, fairer und wertschätzender als der durch die Methodenbrille.

Auch unsere Hunde brauchen gewisse Rahmenbedingungen und Voraussetzungen, damit Lernen überhaupt stattfinden oder Erlerntes zuverlässig abgerufen werden kann. Und zu diesen Voraussetzungen gehört eben auch ein ausgewogenes Gefühlsleben. Und so kann  Vermenschlichung dafür sorgen, dass Sie Ihrem Hund das Lernen erleichtern, indem Sie das Training so angenehm wie möglich gestalten und die Tagesverfassung Ihres Hundes berücksichtigen. Würde diese Art von Vermenschlichung weiter um sich greifen, dann hätte das Treten, Reißen und Schreien auf manchen Hundeplätzen rasch ein Ende. Die Gefühle des Gegenübers anzuerkennen, ist Teil eines respektvollen Umgangs und die Basis von Verständnis und Verstehen.

 

Meine Hunde haben Gefühle

Ja, ich bin überzeugt davon, dass meine Hunde eine ganze Bandbreite von Gefühlen haben, die sich nicht wesentlich von den meinen unterscheiden. Ich freue mich über den Gefühlsreichtum meiner Hunde – besonders dann, wenn es sich um freudige, fröhliche oder liebevolle Gefühle handelt – und darüber, dass sie mir diese Gefühle offenbaren. Sie empfinden ebenso wie ich freudige oder auch bange Erwartung. Sie sind stolz auf Vollbrachtes oder enttäuscht, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Sie empfinden Sympathie und Antipathie, sind fürsorglich oder rücksichtslos. Und so ist es selbstverständlich für mich, den ängstlichen Hund zu unterstützen, mich am Übermut des fröhlichen Hundes zu erfreuen und dem kranken Hund eine Extraportion Aufmerksamkeit und Zuwendung zukommen zu lassen. Wer mir deshalb vorhalten möchte, dass ich meine Hunde vermenschliche, darf das getrost weiterhin tun. Nicht einmal diskutieren werde ich darüber, so selbstverständlich ist es für mich.

 

 

Skurrile Auswüchse der Vermenschlichung

„Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken.“ Arthur Schopenhauer

Dass Vermenschlichung auch skurrile Auswüchse zeigen kann – von bunten Strähnchen bis zum silbernen Tellerchen – , möchte ich gar nicht bestreiten. Allerhand Albernheiten und Modetorheiten fallen mir ein, die unsere Hunde da über sich ergehen lassen müssen. Doch im Vergleicht zu dem, was Hunden im Namen von Dominanz- und Triebkonzepten angetan wird, erscheint mir das meiste davon eher harmlos.

Also auf zum fröhlichen Vermenschlichen und der Gewissheit, dass wir nicht die einzigen fühlenden Wesen auf dieser Welt sind.

 

Ich wünsche Ihnen viel fröhliches Wedeln in Ihrem Leben und freue mich über Kommentare und Anregungen.

Ihre

Karin Immler

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