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plaudergruppe im ZIB

Ihr Hund ist keine Music Box

Manche meiner LeserInnen wissen vielleicht noch, was eine Music Box ist. Heute heißt es ja eher Juke Box und das klingt schön nostalgisch. Man traf seine Wahl, drückte 2, 3 Knöpfe und schon wurde das gewünschte Lied abgespielt. War das vorbei, drückte man wieder ein paar Knöpfe und das nächste Lied erklang.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Menschen ihren Hund auf ganz ähnliche Weise anschauen. Ein paar Knöpfe drücken und die gewünschte Verhalten auswählen! Aber ganz so einfach ist es nicht: Hunde sind hochkomplexe Lebewesen, ebenso wie wir. Sie sind vielen von der Natur ziemlich clever angelegten Abläufen unterworfen. Ihr Gefühlsleben mag vielleicht etwas anders sein als das unsere, ist aber genauso Schwankungen ausgesetzt und von inneren und äußeren Umständen abhängig. Hunde sind soziale Lebewesen – wie wir – und daher auch auf die Interaktion mit anderen – auch mit uns – angewiesen.

 

Sprechen Sie Hund?

Es ist erstaunlich und manchmal auch erschreckend, wie wenig Menschen über die Tierart wissen, mit der sie ihr Leben teilen. Das gilt leider auch für manche langjährige HundehalterInnen. Natürlich müssen nicht alle, die einen Hund haben, KynologIn oder HundetrainerIn sein, aber so ein paar grundlegende Dinge…, ein bisschen Empathie…, und ein bisschen Beobachtungsgabe… das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt! Ist es wirklich übertrieben, sich auf das Tier einzustellen, das man zu sich in sein Leben holt?

 

„Ein Hund, der nicht weiß, wie sein Mensch drauf ist, ist bald ein toter Hund“ Kurt Kotrschal

Wenn ich mir dagegen anschaue, mit welcher Bereitschaft Hunde sich auf uns einlassen, wie sehr sie sich bemühen, unser Leben, unsere Regeln zu verstehen und einzuhalten, ist das höchst beeindruckend. Unsere Gefühlswallungen und Schwankungen nehmen sie deutlich wahr und reagieren darauf. Einfach so! Ohne großes Brimborium! Obwohl es nicht ihre Entscheidung war, zu diesem oder jenem speziellen Menschen in diese besondere Lebenssituation zu kommen. Das entscheiden wir Menschen.

 

Batteriehündchen

In meiner Kindheit gab es Batteriehündchen. Die hatten an der Leine eine Art Fernbedienung und mittels dieser Fernbedienung konnte der Hund laufen oder bellen. Es war präzise definiert, was dieses Spielzeug zu leisten imstande ist und diese Leistung konnte auf Knopfdruck abgerufen werden. Mehr war gar nicht nötig. Unsere Hunde sind aber keine Plüschspielzeuge mit Batterieantrieb. Unsere Hunde können nicht mittels Knopfdruck zum wunschgemäßen Verhalten veranlasst werden. Da braucht es doch ein bisschen mehr dazu.

 

Verhalten aus der Music Box

„Ja, aber das muss er doch wissen!“

Mutter Natur hat Hunden viel mitgegeben, an natürlicher Neugierde, Lernfähigkeit, Anpassungsfähigkeit und Intuition. Aber viele Anforderungen in unserer Menschenwelt sind aus Hundesicht ganz und gar unlogisch und vielleicht sogar ziemlich widersinnig. Und in vielen Fällen nimmt sich niemand die Zeit, dem Hund diese Anforderungen zu erklären, nämlich so, dass Hund dann auch weiß, was zu tun und welches Benehmen erwünscht ist.

Gedichte für die Gastgeber

Wann also ist ein Hund brav, wann funktioniert er, wann fällt er nicht auf, wann gehorcht er? Mein Hund hört auf meine Signale, er setzt sich, er legt sich hin. Ist er dann brav, funktioniert, ist unauffällig und gehorcht? Antonietta Matteo

Stellen Sie sich vor, Sie wären in einem fremden Land, in dem eine Sprache gesprochen wird, die Sie nicht kennen. Der Alltag sieht dort ganz anders aus als Sie es bisher kennengelernt haben: Begrüßung mit Handschlag ist unhöflich, man kneift einander stattdessen in die Nase. Gegessen wird mit Stäbchen aus einer gemeinsamen Schüssel. Auf der Straße fährt man Richtung Süden auf der linken Seite und Richtung Norden auf der rechten.  Gaukler und fahrende Puppenspieler sind hoch angesehen und Büroarbeit gilt als unanständig. Nachts um zehn erledigt man offizielle Besuche und trägt dem Gastgeber kleine Gedichte vor…

 

Ich bin sicher, Sie bräuchten eine ganze Weile, um sich in dieser Umgebung  zurechtzufinden. Und bestimmt wären Sie dankbar für jede Hilfe und jede Erklärung , die Ihnen die Eingewöhnung erleichtert. Würde vorausgesetzt, dass Sie sich ohne Aufklärung und Unterstützung ortsüblich richtig und höflich verhalten, wären Sie wohl ziemlich überfordert.

 

Von unseren Hunden erwarten wir genau das. Wir gehen davon aus, dass sie mehr oder weniger Gedanken lesen können und sich an Regeln halten, die ihnen niemand erklärt hat und die sie vermutlich ziemlich überflüssig finden. Und das auch noch von jetzt auf gleich! Es wird so vieles vorausgesetzt und als selbstverständlich angenommen und viele Hunde bekommen keine Möglichkeit, das zu erlernen und zu perfektionieren, was von ihnen erwartet wird.

 

Eines Tages tauchen dann möglicherweise Probleme auf oder sie werden so groß, dass man sie zur Kenntnis nehmen muss. Der Weg führt dann in eine Hundeschule oder vielleicht kommt sogar ein Trainer, eine Trainerin ins Haus.

 

Der erste Schritt – nicht mehr!

Das ist der erste Schritt – aber auch nicht mehr! Jetzt ist der Trainer/die Trainerin verantwortlich! Denn er oder sie – so die Erwartungshaltung – drückt jetzt die Knöpfe an der Music Box. Titelauswahl nach dem Erstgespräch „Höflichkeit bei Besuchern“ oder „gelassen zuhause warten“, Knopfdruck und alles wird gut. Doch kein noch so guter Trainer und auch nicht die weltbeste Hundeschule kann die Probleme mit Ihrem Hund auf diese Weise für Sie lösen.

 

Verändern Sie, damit es sich verändern kann

Damit sich etwas verändert, müssen Sie etwas verändern. Und genau da liegen die Schwierigkeiten. Denn wir Menschen hängen an unseren Gewohnheiten und an unseren Überzeugungen. Wenn Training wirklich etwas verändern soll, dann bedarf das immer auch einiger Veränderungen beim Menschen. Ein neuer Blickwinkel vielleicht, eine andere Ausrüstung, ein paar neue Gewohnheiten an Stelle der alten – und vor allen Dingen regelmäßige Umsetzung. Ohne Üben geht’s halt nicht. Schließlich hat Ihr Hund das ungute Verhalten (diese Unsitte, wie Sie es vielleicht nennen) ja schon eine Zeitlang ausgeübt und mit jeder Ausübung, ein wenig mehr, besser, intensiver verinnerlicht.

 

Übung macht den Meister

In der Hundeschule erlebe ich, dass HundehalterInnen sagen: „Ich habe es probiert und es hat nichts genützt“. Genauere Nachfrage ergibt dann in vielen Fällen, dass man

  1. auf die Vorübungen (ungestört, daheim, ohne Ablenkung) verzichtet hat, weil der Hund das gewünschte Verhalten ja sowieso kann oder da eh nix dabei ist und man
  2. sofort in die herausfordernde Situation gegangen ist und dort hat es dann nicht funktioniert.

Wenn Sie sich einen chicen Pullover stricken möchten, lernen Sie zuerst stricken. Sonst wird das gute Stück wohl eher laienhaft aussehen und möglicherweise nicht zum Anziehen  taugen. Also lernen Sie erst einmal, mit Stricknadeln umzugehen und alles, was sonst noch so zum Stricken gehört.

 

Training ist Handwerk und das will gelernt sein

„Der Durchschnittsmensch wartet immer darauf, dass etwas geschieht, anstatt sich selbst an die Arbeit zu machen, damit etwas geschieht“ Alan Alexander Milne

Möchten Sie z.B. mittels Markertraining an der Angst Ihres Hundes vor Mülltonnen arbeiten, dann sollten Sie ebenfalls zunächst den Umgang mit dem Handwerkszeug beherrschen. Sitzt dann die Handhabung von Markerwort oder Clicker, ist Ihr Timing präzise und wissen Sie bestens Bescheid, was in welcher Situation für Ihren Hund die optimale Belohnung ist, dann sind Sie gut gerüstet. Wenn dann auch noch Ihr Hund eine tolle Verknüpfung mit dem Marker aufgebaut hat, dann kann es richtig los gehen.

 

Wenn Sie möchten, dass Ihr Hund statt Fahrradfahrern nachzujagen sich artig hinsetzt und auf Ihr Keks wartet, dann muss das „artig Sitzen“ und auf das Keks warten sehr gut klappen, bevor überhaupt das erste Fahrrad ins Spiel kommt. Das das Vehikel in reichlicher Entfernung bleibt, sei nur der Vollständigkeit erwähnt.

 

 

Auch als HundetrainerIn kann ich nicht direkt auf das Problem losgehen, sondern muss meine KundInnen erst einmal mit den Grundlagen vertraut machen. Das bedeutet üben! Nicht nur für den Hund – auch für den Menschen!

 

Wenn die Grundlagen klar sind, die Handgriffe sitzen und hilfreiche Werkzeuge erarbeitet wurden, nehmen wir uns die „schwierigen Geschichten“ vor. Jetzt verfügt der Mensch bereits über die nötigen Fertigkeiten, den Blick und das Timing und kann außerdem auf bereits vorhandene und gut etablierte Verhaltensweisen/Übungen zurückgreifen. Derart vorbereitet, sind schnell Erfolge zu verzeichnen, alleine schon deshalb, weil der Mensch sicher und souverän agieren kann.

 

Wenn Sie also möchten, dass Ihr Hund sich anders verhält, dann geben Sie sich und dem Hund die Zeit und die Möglichkeit, dieses neue Verhalten zu erlernen, zu üben und zu festigen und damit einen zuverlässigen Ablauf auch unter schwierigen Bedingungen zu erreichen.

 

Allzeit eine weiche Hundeschnauze und ein wedelndes Hundeschwänzchen in Ihrer Nähe wünscht Ihnen

Ihre
Karin Immler

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9 comments

      • Claudia says:

        Dieser Ansatz wird aber erst dann funktionieren und ausgeübet werden können, wenn der Mensch bereit ist, in sich selbst zu gehen um *Beziehungsqualität* allgemein zu verbessern wollen.
        Sag mir wie du mit Menschen,Tieren, Dingen und Gedanken umgehst und ich sage dir wer du bist. Gesunde Grenzen zu ziehen und verantwortungsvolles erziehen , sei es Kind oder Tier, ist eine lebenslange Herausforderung an unser menschlich seelisches Wachstum.
        Es tut dennoch sehr gut zu wissen, dass es diese Menschen gibt, leider aber immer noch in der Minderheit, denn sonst gäbe es nicht so viel Elend auf unserer Welt.
        Alles Liebe für Sie und den Ihren weiterhin.
        Claudia

  1. Liebe Karin,

    So gut und verständlich beschrieben. Immer wieder ertappe ich mich wie vieles ich voraussetze bei meiner Hündin und trotz allem bleibt sie liebevoll und nicht ungehalten wie ich es oft bin.
    Danke für die anschauliche Erinnerung. Ich wünsche dir und den Hunden viele an deinen Blogs und deiner Arbeit interessierte Menschen damit es unseren Lieblingen den Hunden immer besser bei und mit uns geht.
    Ich habe ein gutes Gefühl, dass es sich immer weiter ausbreiten darf wie wir mit unserem wundervollen Begleiter umgehen sollten, denn sowie unsere Hunde sehr gescheit sind, sind es doch auch die Menschen und ich hoffe immer noch auf den berühmten Dominoeffekt.

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