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Missverständnisse in der Hundeerziehung

Es waren einmal:

  • ein guter Artikel darüber, wie Lernen funktioniert
  • eine x-beliebige Hundegruppe im Internet
  • einige weit verbreitete Missverständnisse

 “ Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse.“ Antoine de Saint-Exupery

Es handelte sich um einen Artikel aus der Feder einer bekannten Trainerin, die für modernes und belohnungsbasiertes Training eintritt. Erklärt wurde, wie Hunde gut bzw. nachhaltig lernen können und unter welchen Voraussetzungen Lernen nicht (mehr) stattfinden kann. Die richtige Lernatmosphäre wurde erläutert, was generalisieren bedeutet und wie der Hund durch die Konsequenz auf sein Verhalten lernt. Und warum belohnen unbedingt dazu gehört.

Dieser Artikel wurde in einer Hundegruppe auf FB zur Diskussion gestellt. Und schon haben wir das erste der angekündigten Missverständnisse – oder sogar zwei: „…da muss ich ja immer eine Belohnung parat haben, sonst tut der Hund ja nicht das, was ich möchte.“

 

Missverständnis 1: Wurstwedeln

 

Lernen über Belohnung bedeutet nicht, dem Hund mit der Wurst vor der Nase herum zu wedeln. Es bedeutet, dafür zu sorgen, dass wünschenswertes Verhalten mit einer Konsequenz versehen wird, die für den Hund erstrebenswert, angenehm, interessant etc. ist. Und Konsequenz kommt nach dem Verhalten, nicht davor. Anders formuliert, in dem Moment in dem der Hund das Verhalten zeigt, weiß er nicht sicher, ob es nachher dafür eine Belohnung geben wird. Er nimmt es quasi einfach an, weil es ja viele Male so passiert ist.

 

Missverständnis 2: bis in alle Ewigkeit!

 

Natürlich hat niemand von uns Lust, immer und ewig für jedes sauber ausgeführte „Sitz“ ein Leckerchen herauszurücken oder ein Rennspiel zu beginnen. Wir haben auch keine Lust, jedes Mal beim Bürsten die einzelnen Bürststriche mit dem Clicker abzuarbeiten, wie wir es anfangs getan haben, damit unser Welpe die Fellpflege lieben lernt.

„Leistung ohne Belohnung ist Strafe.“ George Herbert

Es geht in besagtem Artikel darum, wie Lernen als Vorgang vor sich geht. Und Lernen über Belohnung funktioniert nun einmal super. Und es folgt gewissen Gesetzmäßigkeiten. So spricht man zunächst von der Immer-Belohnung. Das bedeutet, dass zu Beginn des Lernprozesses tunlichst jede richtige Ausführung eine Belohnung nach sich zieht. Ist das Verhalten grundsätzlich erlernt, steigt man auf variable Belohnung um und der Belohnungsintervall wird unterschiedlich und auch immer größer. Zu diesem Zeitpunkt ist das Verhalten bereits erlernt, weitgehend generalisiert und daher gut etabliert. Im fortgeschrittenen Stadium wird also das Verhalten durchaus auch ohne lohnende Konsequenz auskommen – gelegentlich!

 

Immer mal wieder!

 

Völlig auf Belohnung bzw.  Verstärkung zu verzichten, ist lerntheoretisch ziemlich ungeschickt, denn Verhalten, dass keinerlei Bestärkung mehr erhält, verliert sozusagen seine Daseinsberechtigung und wird nach und nach wieder eingestellt. Wenn ein Verhalten lang genug Bestärkung durch Belohnung oder einen funktionalen Verstärker erfahren hat, ist es andererseits stabil genug, um auch die eine oder andere Ausführung ohne Bestärkung/Belohnung zu überstehen.
Ein guter Trainer/eine gute Trainerin wird allerdings darauf achten, nach einer Ausführung unter schwierigen Bedingungen, die gut geglückt ist und mangels Vorbereitung/Möglichkeit/Gelegenheit keine bemerkenswerte Belohnung nach sich gezogen hat, in den nächsten – bewusst gestalteten Trainingssituationen – reichlich, situationsbezogen und kreativ zu loben, zu bestärken und zu belohnen.
Denn – wie gesagt – , Verhalten, das keinerlei Bestärkung mehr erfährt, ist nicht mehr rentabel.

Der Vollständigkeit halber sei noch einmal betont, dass Futter nur eine von vielen Möglichkeiten der Belohnung ist – allerdings eine wirklich beliebte und bewährte.

 

 

http://barf-blog.de/von-richtig-guten-belohnungen/

 

 

Missverständnis 3: Gelernt, gekonnt – oder beides?

 

Lernen heißt (noch) nicht Können. Lernen ist vielmehr der Prozess, der zum Können führt. Der erste Schritt ist das Lernen, also der Weg, Verhalten zu entwickeln und zu etablieren. Und dann erst kommt der 2. Schritt, die Anwendung in der Praxis. Wir unterscheiden also zwischen dem Hund, der dabei ist, ein Verhalten, eine Übung zu erlernen und dem Hund, der dieses Verhalten bereits so gut gelernt und geübt hat, dass er es in vielfältigen Situationen auf Aufforderung zeigen kann.

 

Sehr oft kann ich in meiner Praxis beobachten, dass diese beiden Dinge vermischt werden. Kaum hat der Hund verstanden, worum es bei der Übung geht, soll er das gewünschte Verhalten auch schon unter schwierigen und oft schwersten Bedingungen zeigen.

 

Schulfest in der Aula

kleiner hund auf laufsteg photo.phil cr (11)Stellen Sie sich vor, ein Schulkind soll beim nächsten Schulfest vor 300 Menschen in der Aula ein Gedicht aufsagen. Nun wird Zuhause geübt, Strophe für Strophe wird erlernt bis das Kind das ganze Gedicht in Einem aufsagen kann. Nun käme wohl niemand von uns auf die Idee, das Kind jetzt sofort vor die 300 Menschen zu stellen, sondern es ist uns völlig klar, das noch allerhand Übung und Feinschliff fehlen. Vielleicht am kommenden Sonntag beim Grillfest, wenn einige Freunde dabei sind, oder nächste Woche, wenn die Oma Geburtstag hat – das wären gute Gelegenheiten, den Vortrag des Gedichtes zu üben und zu perfektionieren. Kurz gesagt, es folgen noch etliche Übungsdurchgänge, die dazu dienen, das Erlernte einerseits zu festigen und andererseits an den Feinheiten wie Betonung, Pausen und Sprachmelodie zu arbeiten. Bevor also das Kind einem kritischen Publikum gegenübersteht, hatte es viel Gelegenheit, Sicherheit in seinem Vortrag erwerben.

 

Geht es dagegen um den Hund, so wird dieser postwendend auf die Bühne gestellt, kaum dass er ein einziges Mal sozusagen sein Sprücherl fehlerfrei aufgesagt hat.

 

Der Aufbau eines neuen Verhaltens einerseits und das Abrufen von erlerntem Verhalten andererseits, das sind unterschiedliche Etappen. Solange der Hund noch dabei ist zu lernen, dass dieses Signal mit genau dieser Verhaltensweise zusammengehört – und zwar in den unterschiedlichsten Situationen – , ist es für den Ernstfall noch nicht geeignet. Klugerweise bleibt es noch Gelegeneiten vorbehalten, in denen eine entsprechende Belohnung/ein Verstärker dem richtig ausgeführten Verhalten folgt.

 

 

Hundeerziehung zum Hören „Schon wieder belohnen?!“.

 

 

 

Variable Belohnung

Kann der Hund dann das, was wir von ihm möchten, wird der Belohnungsintervall ohnehin variabel. Das bedeutet, dass der Hund immer wieder erlebt, dass es keine Belohnung gibt (außer einem zustimmenden Lächeln von Herrchen oder Frauchen). Hat man also sauber trainiert, sollte es kein Problem sein, Verhalten auch in einer Situation abzufragen, in der man nichts bei sich hat – weder Futterstückchen noch Bällchen – und auch kein geeigneter funktionaler Verstärker in Sicht ist. Wenn Sie nach einer so einer (unbelohnten) Ernstfall-Ausführung darauf achten, dieses Verhalten danach auch gelegentlich wieder zu belohnen – gerne auch zwischendurch besonders toll – , dann bleibt es auch erhalten.

 

Nebenbei bemerkt: wer sich ein wenig mit funktionalen Verstärkern auseinandersetzt, hat auch in vielen „unvorbereiteten“ Situationen Zugriff auf eine passende verstärkende Konsequenz.

Also noch einmal, weil es so wichtig ist: zuerst wird ein Verhalten erlernt, dann wird es generalisiert und erst dann wird es – allmählich – abrufbar. Nicht zwischen der Phase, in der der Hund ein Verhalten erlernt, und der Phase, in der er dieses Verhalten tatsächlich auf Abruf zeigen kann, zu unterscheiden, ist dem Hund gegenüber äußerst unfair und kein Zeichen guten Trainings. Es wäre genauso unfair, wie das Schulkind nach dem ersten geglückten Gedichtdurchgang vor 300 fremde Menschen zu stellen!

 

Also seien Sie fair, und geben Sie Ihrem Hund die Chance, das Erwünschte in Ruhe zu lernen und zu perfektionieren, bevor Sie es unter erschwerten Bedingungen abrufen.

Ich wünsche Ihnen viel fröhliches Wedeln in Ihrem Leben und freue mich über Kommentare und Anregungen.

Ihre

Karin Immler

 

 

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