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Warum Wattebauschwerfen Unsinn ist

Im Allgemeinen wird „Wattebauschwerfen“ als Synonym für eine Art von Hundeerziehung verwendet, bei der die Menschen mit ihren Hunden auf freundliche und verständnisvolle Art umgehen. Und das ist doch ganz wundervoll! Dass „WattebauschwerferIn“ von manchen Zeitgenossen als Ausdruck der Geringschätzung verwendet wird, liegt also eher an der individuellen Bewertung eines freundlichen Umgangs mit dem Hund, sprich daran, dass manche Menschen Freundlichkeit und Kooperation mit Inkompetenz und mangelnder Konsequenz gleichsetzen. „Wattebauschwerfer sind Weicheier!“ – oder so!

 

 

Wattebauschwerfen ist wirklich ein Schmarren!

„Wattebauschwerfer sind Weicheier!“

Es funktioniert einfach nicht. Und ich sage Ihnen auch, warum:  Die Dinger lassen sich nicht anständig werfen, die fallen einfach nur im Zeitlupentempo runter!  (siehe Videolink weiter unten) Aber Scherz beiseite: Wenn man mich als Wattebauschwerferin bezeichnet, dann fühle ich mich durchaus geschmeichelt. Denn damit befinde ich mich in der Gesellschaft der international anerkanntesten ExpertInnen für Tier- und Hundetraining.

 

Gehirngerechtes Lernen

Gehirngerechtes Lernen – also die beste, schnellste und effizienteste Art zu lernen ist inzwischen sowohl bei Menschen also auch bei Hunden gut erforscht. Und – auch wenn uns das vielleicht peinlich ist – die Unterschiede sind gar nicht so groß. Jedenfalls gibt es einige Tatsachen, die wir beim Training mit unseren Hunden nicht ignorieren sollten.

Spaß beim Lernen

„Was Spaß macht, was mit guten Gefühlen verbunden ist, wird besonders schnell gelernt und auch gut behalten“

Was Spaß macht, was mit guten Gefühlen verbunden ist, wird besonders schnell gelernt und auch gut behalten. Also sind Sie gut beraten, wenn Sie dafür sorgen, dass Ihr Hund Spaß an dem hat, was Sie ihm beibringen möchten.

Wenn Sie den Hund anschreien, unter Druck setzen und womöglich körperlich maßregeln, hat er sicher keinen Spaß. Denn zumindest ist die Situation unangenehm und womöglich hat Ihr Hund in dem Moment sogar Angst vor Ihnen. Angst blockiert im Gehirn die Lernvorgänge – er kann also in diesem Moment gar nicht lernen. Ganz abgesehen davon: Was ist das für eine Vorstellung, dass der eigene Hund Angst vor seinem Herrchen/Frauchen hat? Für mich jedenfalls kein schöner Gedanke.

 

Zuckerlautomat als Trainingshilfe?

Belohnt zu werden ist dagegen ein gutes Gefühl. Und zwar für beide Beteiligten. Für den, der die Belohnung gibt, ebenso wie für den, der sie bekommt.  Und als überzeugte Wattebauschwerferin habe ich große Freude daran, meine Hunde zu belohnen.  Was wiederum dem Image der WattebauschwerferInnen entspricht, die mit wohlgefülltem Futterbeutel oder allerlei Spielsachen ausgerüstet zum Spaziergang ausrücken.

Wer sich auf belohnungsbasierte Methoden verlegt, wird schnell herausfinden, dass Futter nur eine von vielen Möglichkeiten ist, den Hund zu belohnen. Allerdings eine sehr beliebte. Und das hat gute Gründe, hier sind einige davon:

 

  • Futter deckt ein Grundbedürfnis, das Bedürfnis nach Nahrung. Fast alle Hunde lieben Futterbelohnung, mit etwas Fantasie lässt sich auch für mäkelige Kandidaten die passende Leckerei finden.
  • Futter als Belohnung lässt sich sowohl von der Menge als auch von der Attraktivität gut variieren. Futterbelohnung ist einfach zu handhaben. Ein paar schmackhafte Bröckchen sind auch beim Spaziergang schnell greifbar.
  • Futter kann auf unterschiedliche Art verabreicht werden, wodurch noch ein zusätzlicher Aspekt ins Belohnen einfließt: Reichen Sie das Futterstückchen oder werfen Sie es? In welche Richtung geben Sie es?
  • Für das organisierte Training, z.b. in einer Hundegruppe, ist Futter ebenfalls gut geeignet. Ein Spiel, womöglich um Beute, würde in vielen Fällen zu viel Unruhe verursachen.

 

Für den Barf-Blog  http://barf-blog.de/ von Ute Wadehn durfte ich einen Gastartikel zum Thema Futterbelohnung schreiben. Den Artikel finden Sie hier.

Aber wie gesagt, Futter ist eine gute aber bei weitem nicht die einzige Belohnung – schon gar nicht für WattebauschwerferInnen. Spielen, Körperkontakt, mehr Distanz, weniger Distanz, ins Wasser springen oder den Baumstumpf inspizieren – die Auswahl ist groß. Und HundehalterInnen, die gut beobachten und ihren Hund kennen, wählen aus dem großen Angebot am liebsten das, was dem Hund gerade jetzt wirklich Freude macht! Und ein stereotypes „braver Hund!“ gehört da sicher nicht dazu.

 

Freundliche Kommunikation

 

WattebauschwerferInnen sagt man nach, dass sie ihre Hunde ansäuseln. Auch dazu stehe ich: wenn es irgendwie geht, bin ich zu meinen Hunden freundlich. Und zwar nicht nur durch die Wahl der Worte, sondern vor allem auch dadurch, wie ich sie ausspreche. Und Hunde mögen eine ausgeprägte Sprachmelodie, ganz im Gegensatz zu militärisch knappen Kommandos oder Bestätigungsworten.

 

Ich mag es, wenn man nett und freundlich zu mir ist. Und ich versuche meinerseits nett und freundlich zu anderen zu sein (Zugegeben, immer funktioniert das nicht ) und das schließt meine Hunde mit ein. Schließlich leben wir zusammen und verbringen einen Großteil unserer Zeit miteinander.  Freundlich miteinander zu sein, sorgt für eine entspannte Athmosphäre und für gute Gefühle dem anderen gegenüber.

 

Jetzt kriegt er auch noch eine Belohnung

WattebauschwerferInnen  befassen sich mit modernen Trainingskonzepten wie „Zeigen und Benennen“ oder „BAT“. Und da kann es schon einmal vorkommen, dass jemand, der diese Konzepte nicht kennt, bass erstaunt ist. Denn anstatt den Hund anzubrüllen, wenn er das angstmachende Müllauto oder den bösen Nachbarshund anbellt, versuchen WattebauschwerferInnen den idealen Moment für den Marker zu nützen, dem natürlich dann auch eine Belohnung folgt.

Und anstatt den Hund mit einem markigen „Da muss er durch!“ in eine unangenehme Situation zu zwingen, machen WattebauschwerferInnen sich die Mühe, einen geeigneten Trainingsaufbau zu finden. Schließlich soll der Hund die Chance bekommen, das erwünschte Verhalten so zu erlernen, dass er es in Zukunft zuverlässig zeigen kann.

 

 

WattebauschwerferInnen trainieren stimm- und kräfteschonend

Ein Beispiel, was das in der Praxis bedeutet: Hat man als WattebauschwerferIn festgestellt, dass die Bleibeübung des Hundes zu wünschen übrig lässt, sobald ein anderer Hund in der Nähe ist, wird zunächst ein Trainingsaufbau überlegt. Die Bleibeübung wird anfangs ohne, dann mit leichter und langsam steigender Ablenkung perfektioniert, bevor überhaupt ein anderer Hund ins Spiel kommt. Ist es dann soweit, dann wird dieser andere Hund anfangs sehr weit weg sein, seinerseits liegen oder sitzen und erst nach und nach näher an unseren Übungskandidaten herankommen.  Und zwar immer dann, wenn die aktuelle Distanz keine Schwierigkeit mehr für den übenden Hund darstellt. Der Hund wird also im Training nur in Situationen gebracht, die er auch bewältigen kann.

Ohne Wattebäuschchen besteht der Trainingsaufbau womöglich aus Anschreien, Bedrängen oder Niederdrücken und immer drastischeren Maßregelungen. Laut, anstrengend, unerfreulich – und wie wir heute wissen auch lerntheoretisch mehr als fragwürdig.

Ich wage daher die Behauptung, dass WattebauschwerferInnen ökonomisch und stimm- und kräfteschonend trainieren. Ob das nur die „Weichei-Theorie“ stärkt oder eher für die Intelligenz von WattebauschwererInnen spricht, überlasse ich gerne Ihrer Bewertung.

 

 

Grenzenloses Hundeleben

„In Wirklichkeit ist es einfach so, dass Grenzen setzen weder etwas mit Lautstärke noch mit Gewalt zu tun hat.“

WattebauschwerferInnen wird oft unterstellt, sie würden ihren Hunden keine Grenzen setzen, sie womöglich antiautoritär erziehen. In Wirklichkeit ist es einfach so, dass Grenzen setzen weder etwas mit Lautstärke noch mit Gewalt zu tun hat, viel eher etwas mit Konsequenz. Und Konsequenz und Freundlichkeit schließen sich ebenso wenig aus wie Wattebauschwerfen und Erziehung. Auch WattebauschwerferInnen haben gerne gut erzogene Hunde und möchten, dass ihr Hund im Alltag ihre Anweisungen befolgt. Der Unterschied besteht vielleicht darin, dass WattebauschwerferInnen die Anweisungen nicht um der Anweisung willen geben und es ihnen nicht um Machtausübung geht, sondern vielmehr um verantwortungsbewusste Führung.

Wattebauschwerfen im Alltagstauglichkeitstest

 

Renate Helfert, Katharina Volk und Christine Enderle haben 2013 ein geniales Video gemacht, um zu zeigen, wie Wattebauschwerfen tatsächlich funktioniert (oder auch nicht). Bitte beachten Sie auch unbedingt die Stelle mit den Watte-Discs!

 

 

 

Ich wünsche Ihnen viel fröhliches Wedeln in Ihrem Leben und freue mich über Kommentare und Anregungen.

Ihre

Karin Immler

 

 

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7 comments

  1. ULRIKE says:

    Hallo, ich bin auch eine Wattebauschwerferin, die auf den Spaziergängen mit ihrem kleinen Hund (mit Brustgeschirr) immer mit Bauchtasche voller Futter, einem Bällchen zum Werfen, Schleppleine, Clickern, Wasserflaschen, und am Wochenende zusätzlich mit Rucksack mit Proviant für mich unterwegs bin. Ach, die Scheiße – aufsammel-Beutelchen habe ich auch noch mit. Ich werde sicher immer wieder belächelt, bin ich doch die einzige im Umkreis, die mit dem Clicker rum rennt und mit ihrem Hund immer freundlich umgeht. Ich treffe ständig Leute, die ihre Hunde anschreien, selbst Welpen am Halsband mit Leinenruck erziehen und mich zum Teil tatsächlich auslachen. Was aber klar zu sehen ist, ist dass mein Hund (erst 10 Monate alt) besser auf mich hört als so mancher, der ständig gemaßregelt wird. Und er sieht mich niemals unterwürfig an, das wäre für mich mit das Schlimmste, was passieren könnte. Ich werde jedenfalls weiter „Wattebällchen werfen“ und die Leute dürfen mich gerne belächeln. Meinem Hund und mir geht es gut damit!

    • Karin Immler says:

      Liebe Ulrike, schön, dass Sie sich nicht beirren lassen. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude mit Ihrem Hund und mit Clicker, Futter, Ball und Wattebäuschchen, alles Liebe Karin Immler

  2. Andreas says:

    Zu viel Text für meine kurze Aufmerksamkeitsspanne, aber durchaus ganz in meinem Sinne. Ich durfte kurzzeitig eine Hundeschule im Schäferhundverein kennenlernen. Das war der blanke Horror für mich, meinen Hund, aber vor allem die „Problemhalter“, die mit ihren Hunden nicht zurecht kamen.

    Und da Gewalt nunmal Gegengewalt erzeugt, erlebten wir auch prompt, wie ein „hervorragend ausgebildeter Schäferhund“ der ausgerechnet auch noch einem Trainer gehörte einen Labrador zerlegte. Keiner ging dazwischen, keiner kümmerte sich darum “ die klären das unter einander“. Für mich einer von vielen Gründen, dort nicht mehr hinzugehen.

    Da werfe ich doch lieber bekennend mit Wsttebäuschen! Klappt übrigens auch hervorragend mit Menschenkindern.

    • Karin Immler says:

      Danke Andreas, ich freue mich über den Zuspruch und darüber, dass wir WattebauschwerferInnen immer mehr werden.
      Viele Grüße
      Karin Immler

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